CW Lernen - Meine Erfahrungen mit dem Morsen

Es war im Jahr 1997, als ich das erste Mal versucht habe, das Morsen zu erlernen - leider erfolglos. 2015 hat mich das Morsefieber dann erneut gepackt. Einige Monte später hatte ich die Zulassung zum Amateurfunkdienst unter dem Rufzeichen DL3HM in der Tasche. Bis heute übe ich regelmäßig Morsen. Meine Erfahrung dabei: Der Spaß nimmt mit steigendem Können ebenfalls zu. Der besondere Reiz des Morse-Lernens liegt für mich darin, dass es eine ernstzunehmende Herausforderung ist, die jedoch mit einiger Anstrengungen zu meistern ist.

Im Rahmen dieses Artikels sollen Dinge, die dort schon ausführlich erläutert sind, allenfalls kurz wiederholt werden. Mir geht es in erster Linie darum, einige Lücken zu schließen.

Wohin geht die Reise?

Es dürft klar sein, dass der anstehende Weg recht lang ist. Daher ist es umso wichtiger, für eine nachhaltige Motivation zu sorgen. Bei der ohnehin langen Reise sollten Umwege so gut es geht vermieden werden. Eine klare Vorstellung von einem lohnenden Ziel ist eine Grundvoraussetzung, um dies zu erreichen. Einen Annäherung an dieses Ziel steigert die eigene Motivation, wobei dies nur geschieht, wenn das Ziel wirklich lohnenswert ist. Nur mit einem klar formulierten Ziel kann festgestellt werden, ob der eingeschlagene Weg noch der richtige ist. Mein Ziel beim Erlernen des Morsens lautet wie folgt:

Das Hören und das Geben des Morsecodes soll genauso mühelos möglich sein, wie das Hören und das Sprechen normaler Sprache.

Das bedeutet insbesondere:

  • Die Verarbeitung des Morsecodes soll ausschließlich unterbewusst stattfinden. Es findet keinerlei bewusste Verarbeitung des Morsecodes an sich statt, da dies extrem anstrengend ist.

  • Klartext-QSO’s von einer Stunde und länger sollen möglich sein, ohne dass eine nennenswerte Ermüdung auftritt.

  • Klartext soll ohne Mitschreiben verständlich sein (sog. Gehörlesen).

Dieses für mich lohnende Ziel liegt nun wirklich in weiter Ferne. Es ist noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt erreichbar ist. Eigentlich muss also der Weg zu diesem übergeordneten Ziel das eigentliche Ziel sein. Es kann nicht sein, dass dieser Weg zur Ochsentour wird! Es muss Freude bereiten, diesen Weg zu gehen, weil immer wieder Fortschritte auf diesem Weg zum übergeordneten Ziel erreicht werden.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

In der Arbeitswelt sind zahlenmäßig formulierte Ziele weit verbreitet. Auch beim Erlernen des Morsens ist es naheliegend zu sagen, in einem Monat will ich 15 Wörter pro Minute (wpm) erreichen. Das ist der sicherste Weg, dass gesamte Projekt nach kurzer Zeit hinzuschmeißen, weil es einfach keinen Spaß macht, auf derartige Meilensteine hinzuarbeiten. Auf dem Wege zum übergeordneten Ziel sind lange Phasen, in denen überhaupt keine Steigerung der messbaren Geschwindigkeit eintritt, völlig normal.

Aber gibt es in diesen Phasen wirklich keine Fortschritte, nur weil diese bei oberflächlicher Betrachtungsweise nicht messbar sind. Nein, die entscheidenden Fortschritte finden gerade in diesen Phasen statt. Es gelingt wieder einen kleinen Teil der bisher bewusst ausgeführten Decodierung des Morsecodes ins Unterbewusste zu verlagern. Für die eigene Motivation ist es unglaublich wichtig, derartige nicht messbare Fortschritte zur Kenntnis zu nehmen. Diese Fortschritte zeigen gerade, dass der Weg zum übergeordneten Ziel wieder ein Stückchen kürzer geworden ist.

Perfektion

Insbesondere am Anfang des Lernprozesses, macht es wenig Sinn Perfektion anzustreben. Diese Aussage steht völlig im Widerspruch zu dem, was uns während der Schulzeit eingebläut wurde. Dort war nur derjenige gut, der alles richtig gemacht hat. Aber macht der Anfänger, der alle Morsezeichen richtig erkennt, alles richtig. Nein: Sehr wahrscheinlich erkennt der Anfänger die Morsezeichen durch bewusstes Nachdenken. Das ist zwar zu einem gewissen Grad ein unvermeidbarer Zwischenschritt. Es steht aber in vollkommenem Widerspruch zu obigem übergeordneten Ziel. Die Phase dieses "falschen" Übens muss daher so kurz wie irgend möglich sein. Ein Fehlerquote von 10-20% ist am Anfang gut genug. Zahlenmäßige Perfektion mach erst dann Sinn, wenn das übergeordnete Ziele halbwegs nahe ist.

In keinem Fall ist es sinnvoll, das perfekte Mitschreiben Buchstabe-für-Buchstabe anzustreben. Perfektes Mitschreiben setzt voraus, dass zumindest Wortteile bzw. Silben als Ganzes mitgeschrieben werden. Die entsprechenden Wortteile müssen dabei im Kopf erkannt werden, ehe sie aufgeschrieben werden. Im Zustand des Buchstabe-für-Buchstabe-Mitschreibens ist es vollkommenen in Ordnung, wenn Fehler auftreten. Es ist völlig ausreichend, wenn aus dem Mitschrieb der Sinn des Textes erkennbar ist. Das menschliche Gehirn nutzt ganz von selbst die Redundanz der gesprochenen Sprache aus, um Fehler oder Unklarheiten zu korrigieren. Dies wird beim Übergang zum Gehörlesen klar werden. Erst wenn diese Stufe erreicht ist, macht es überhaupt Sinn Perfektion anzustreben. Und selbst dann sind Tippfehler unvermeidbar.

Die begrenzte Kapazität der bewussten Informationsverarbeitung

Das menschlich Gehirn kann bewusst nur einen vergleichsweise geringen Informationsstrom verarbeiten. Es kommt sehr schnell zu einer Überforderungen. Beim bewussten Decodieren der Morsezeichen ist dies bei ca. 10 wpm der Fall. An sich braucht uns das nicht stören, da wir ohnehin eine völlig unbewusste Decodierung des Morsecodes erreichen wollen.

Die spannende Frage lautet: Ist es möglich, die Begrenztheit der bewussten Informationsverarbeitung auf dem Weg zur unbewussten Decodierung auszunutzen? Ja, indem das Gehirn dann mit etwas Anderem beschäftigt wird, das bewusster Aufmerksamkeit bedarf, wenn die Decodierung des Morsecode halbwegs flüssig läuft. Das Gehirn wird dann die Teile der Informationsverarbeitung, die es im Prinzip schon unterbewusst ausführen kann, auch tatsächlich ins Unterbewusste verlagern, um der Überforderungen zu entgehen. Beispiele für diese Vorgehensweise folgen weiter unten.

Die Grundlegenden Probleme beim Erlernen des Morsecodes

Ein Problem beim Erlernen des Morsecodes besteht darin, dass sich die Morsezeichen erst ab einer bestimmten Mindestgeschwindigkeit (18-25 wpm) richtig anhören. Da diese Geschwindigkeit für den Anfänger viel zu hoch ist, werden üblicherweise die Pausen zwischen die einzelnen, schnellen Zeichen verlängert, so dass sich im Durchschnitt eine anfängertaugliche Geschwindigkeit von etwa 5 wpm ergibt. Dieses Prinzip wird häufig als Farnsworth-Timing bezeichnet.

Die eigentliche Schwierigkeit beim Decodieren der einzelnen Morsezeichen besteht darin, dass dies zu 100,0000% ohne jedes bewusste Nachdenken geschehen soll. Der Klang eines Morsezeichens erreicht das Gehirn, wobei ausschließlich dessen Bedeutung ins Bewusstsein gelangt. Der gesamte Decodierungsprozess muss vollständig unbewusst stattfinden.

Wer aber mit einer langsamen Farnsworth-Geschwindigkeit beginnt, wiederholt nahezu unweigerlich das Klangbild der Morsezeichen im Geiste, so dass mehr Zeit für die Decodierung bleibt. Damit findet aber schon eine bewusste Verarbeitung des Klangs der Morsezeichen statt. Genau dieser Fehler sollte auf keinen Fall gemacht werden bzw. sollte so gut es eben geht vermieden werden!!!!! Ein Abgewöhnen dieses "Im-Kopf-Wiederholens" des Klangbilds der Morsezeichen ist später extrem schwer. Es wird beim falschen Üben einfach viel zu oft wiederholt. Darüber hinaus ist diese Art der Decodierung von Morsezeichen unglaublich anstrengend.

Wenn das Morse-Üben sehr anstrengt ist, ist zu viel bewusstes Nachdenken im Spiel. Es wird grundfalsch geübt!

Die Koch-Methode versucht dieses Problem dadurch zu umgehen, dass am Anfang nur ganz wenige Zeichen (z.B. 5 Stück) geübt werden, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Während dem Üben soll reflexartig und insbesondere ohne das Klangbild eines Morsezeichens im Kopf zu wiederholen entscheiden werden, welches Zeichen gehört wurde. Wenn die Fehlerquote besser als 10…​20% ist, werden weitere Morsezeichen hinzugenommen. Das Tempo wird erhöht, wenn alle Zeichen mit der genannten Fehlerquote beherrscht werden. Wenn nach einer Tempoerhöhung die Fehlerquote anfangs viel zu hoch ist, werden erst einmal nur wenige verschiedene Zeichen geübt. Später nimmt nach obigem Schema weitere Zeichen hinzu, jedoch in anderer Reihenfolge als beim letzten mal.

An dieser Stelle stellt sich nun die Frage, wie die Entscheidung für ein bestimmtes Zeichen jeweils festgehalten wird. Dies kann mit Stift und Papier geschehen. Dann verursacht aber die Kontrolle des Mitschriebs extra Aufwand. Mitschreiben am PC mit der Tastatur ist die andere Möglichkeit, die ich bevorzuge. Wer am PC mitschreiben will, sollte Folgendes berücksichtigen:

Für diejenigen, die es noch nicht können, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, 10-Finger-Blind-Schreiben zu lernen!

Ich konnte am Beginn meiner Morse-Übungen schon halbwegs gut mit 10 Fingern schreiben. Im Rahmen meiner Übungen hat sich aber gezeigt, dass es unglaublich anstrengend ist, gelegentlich auf die Tastatur zu schauen um weniger geläufige Zeichen zu suchen. Dieses Problem verschwindet nicht von alleine. 10-Finger-Blind-Schreiben muss vielmehr gezielt geübt werden.

Ich bin deshalb dazu übergegangen, meine Augen zu schließen, während ich auf der Tastatur tippe. Wer über eine hohe Fingerbeweglichkeit verfügt, lernt relativ schnell wo welcher Buchstabe auf der Tastatur ist und welcher Finger zu verwenden ist. Auf jeden Fall geschieht dies zigfach schneller als das Erlernen des Morsecodes. Darüber hinaus ist gerade die Koch-Methode, bei der die Buchstaben nach und nach gelernt werden, die perfekte Methode das 10-Finger-Schreiben gleich mit zu lernen.

Beim Mitschreiben des Morsecodes auf der Tastatur darf auf gar keinen Fall - auch nicht gelegentlich - auf die Tastatur gesehen werden, um Tasten zu suchen!

Wer diesen Rat nicht beherzigen kann oder will, sollte bei Stift und Papier bleiben und später direkt zum reinen Gehörlesen übergehen!

Gehörlesen

Bei ca. 15-20 wpm ist es kaum mehr möglich, schnell genug per Hand mitzuschreiben. Diese Grenze kann durch Optimierung der Schreibtechnik noch etwas nach oben verschoben werden. Sinnvoller ist es aber, auf das sogenannte Gehörlesen umzusteigen. Dabei wird Klartext, also verständlicher Text, gemorst und keine 5er-Gruppen aus Zufallszeichen. Beim Gehörlesen wird die Bedeutung des gemorsten Textes unmittelbar im Kopf erfasst, ohne dass etwas mitgeschrieben wird.

Das will natürlich jeder CW-Enthusiast früher oder später erreichen. Ohne die entsprechende Übungszeit geht das aber nicht. Es gibt viele CW-isten, die behauten Sie könnten Gehörlesen. In der Praxis gilt das aber oft nur für Standard-QSO’s. Wenn es an längeren Klartext mit längeren oder wenig geläufigen Wörtern geht, wird es dünn. Gerne wird an dieser Stelle die Meinung vertreten, dass in der Praxis ohnehin fast ausschließlich Standart-QSO’s gefahren werden. Wer auf diesem Niveau stehen bleiben will, verpasst allerdings den wirklichen Spaß am Morsen.

Beim Blindschreiben auf der Tastatur kann jede praktisch übliche Morse-Geschwindigkeit bewältigt werden. Das war in Zeiten, als der Morsecode noch kommerziell genutzt wurde, auch schlicht eine praktische Notwendigkeit. Gerade das blinde Mitschreiben eröffnet darüber hinaus die Möglichkeit, das Gehörlesen von Klartext nach und nach quasi nebenbei mitzulernen. Folgendes sollte dabei aber berücksichtigt werden:

Das "Prinzip der maximalen Faulheit" und seine Folgen

Der Mensch lernt nach dem "Prinzip der maximalen Faulheit". Beim Üben werden unterschiedliche Möglichkeiten ausprobiert, die zu übende Tätigkeit auszuführen. Am Ende wird diejenige Möglichkeit gelernt, die am wenigsten anstrengt, sofern nicht bewusst in eine andere Richtung gesteuert wird.

Beim Mitschreiben des Morsecodes mit der Tastatur hat dieser Effekt unglücklicherweise zur Folge, dass primär gelernt wird, welche Taste als Reaktion auf ein bestimmtes Klangbild zu drücken ist. Das funktioniert bis etwa 20 wpm ganz gut. Danach ist auch mit noch so viel Übungsaufwand kaum eine weitere Verbesserung mehr möglich. Der Grund hierfür ist, dass im Rahmen der vorstehenden Arbeitsweise keine Möglichkeit besteht, die einzelnen Zeichen im Gedächtnis zu behalten. Wer dies dennoch tun will, merkt sich allenfalls das gesamte Klangbild mehrerer Morsezeichen und stößt dabei schnell an seine Grenzen. Die vorstehende Arbeitsweise führt auch dazu, dass viele kurze Zeichen wie e und i unmittelbar nacheinander zu Problemen führen. Das Gehörlesen kann in der Folge auch nicht erlernt werden.

Um diesen Effekt entgegenzuwirken, sollte man sich von Anfang an und konsequent nach jedem gehörten Morsezeichen dessen Bedeutung (und nicht dessen Klangbild) ins Gedächtnis rufen. Erst nachdem diese Bedeutung quasi vor dem inneren Auge erschienen ist, wird die entsprechende Taste auf der Tastatur gedrückt.

Dies ist m.E. die wirkliche Hürde beim Erlernen des Morsecodes. Alle anderen Probleme können durch eine genügend lange Übungszeit überwunden werden. Wer den vorstehend erläuterten Schritt nicht bewusst geht, kann üben solange er will. Irgendwann kommt er nicht mehr weiter.

Nun kann es sein, dass bereits ein Tempo in der Größenordnung von 20 wpm erreicht ist, wobei es beim besten Willen nicht gelingen will, den vorstehend erläuterten Schritt zu tun. Dann ist es an der Zeit, gezielte Gehörleseübungen zu machen, ohne dabei mitzuschreiben. Dabei wird vor allem geübt, kurze Wörter mit langen Pausen zwischen den Wörtern allein im Kopf zu erkennen.

Entsprechende Übungs-MP3’s können mit ebook2cw erzeugt werden. Bei diesem Einstieg ins Gehörlesen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich die Bedeutung der einzelnen Morsezeichen ins Gedächtnis zu rufen, um daraus ein ganzes Wort zusammenzusetzen. Es versteht sich quasi von selbst, dass die Übungsgeschwindigkeit dabei erst einmal deutlich zurückgenommen werden muss, damit überhaupt einige Wörter verständlich sind. Erstaunlicherweise ist es aber so, dass ausgehend von einem Übungslevel von etwa 20 wpm (ohne Farnsworth-Timing) sofort viele kurze Wörter im Kopf erkannt werden, wenn nur die Geschwindigkeit per Farnsworth-Timing genügend zurückgenommen wird, wobei zusätzlich die Pausen zwischen den Wörtern genügend lang gemacht werden. Lange Wörter sollten eher vermieden werden. Wenn sie doch verwendet werden, sollten zusätzliche Pausen zwischen manchen Silben eingefügt werden.

Nach meiner Erfahrung macht es wenig Sinn, derartige Gehörleseübungen in großem zeitlichen Umfang einzusetzen. Es geht hier nicht darum das Gehörlesen an sich zu lernen. Es geht vielmehr darum, die Gewohnheit zu entwickeln, sich zu jedem gehörten Morsezeichen dessen Bedeutung bewusst ins Gedächtnis zu rufen. Wer diese Gewohnheit ausreichend verfestigt hat, wird folgendes feststellen:

  1. Das blinde Mitschreiben geht nach kurzer Zeit quasi von alleine. Bewusstes Nachdenken ist dabei überhaut nicht erforderlich, solange der Blick auf die Tastatur konsequent vermieden wird.

  2. Wer es schafft, sich die Bedeutung (fast) aller Buchstaben eines Wortes ins Bewusstsein zu rufen, erkennt auch die Bedeutung des gesamten Wortes, sofern der Morsecode nur schnell genug ist (effektiv > ca. 20 wpm).

Die oben vorgeschlagenen Gehörleseübungen führen typischerweise nur bei einer niedrigeren Geschwindigkeit zum Erfolg. Die Speicherdauer des Kurzzeitgedächtnisses reicht dann nicht aus, um sich alle Buchstaben eines Wortes zu merken. In der Folge ist ein aktives bzw. bewusstes Merken der Buchstaben erforderlich. Dies soll im Grundsatz aber vermieden werden. Deshalb machen derartige Übungen m.E. nur in dem oben erläuterten Umfang Sinn.

Ab etwa 20 wpm ist der Code so schnell, dass das Kurzzeitgedächtnis ausreicht, um ganze Wörter mühelos zu erkennen. Entscheidend an dieser Stelle ist, dass tatsächlich die Bedeutung eines jeden Morsezeichens des Wortes ins Bewusstsein gelangt. Am Anfang ist das typischerweise nicht der Fall. Insbesondere die kurzen Buchstaben fallen schnell unter den Tisch.

Der Rest des Decodierungsprozesses geht zumindest bei kürzeren Wörtern von ganz alleine. Hier greift das Gehirn vermutlich auf Erfahrungen zurück, die es im Laufe des Lebens beim Sprechen und beim Lesen gesammelt hat.

Wie ich tatsächlich vorgegangen bin und welche Probleme ich dabei hatte

Die erste Morsetaste und was man sonst noch braucht

Meine ersten Morse-Versuche habe ich mit dem Programm HB9HQX gemacht, das die Koch-Methode umsetzt. Dabei habe ich ein sogenanntes Twin-Paddle verwendet, welches ich mit dieser Schaltung über einen RS232-USB-Adapter an den PC angeschlossen habe.

Bei einem Twin-Paddle werden mit der linken Taste die Dit’s (Punkte) und mit der rechten Taste die Dah’s (Striche) gegeben. Eine gleichzeitige Betätigung beider Tasten ergibt Dit’s und Dah’s im Wechsel. Mit diesem Tastentyp kann auch ein Anfänger Morsezeichen erzeugen, die sich perfekt anhören.

Wenn später der Wunsch aufkommt, auf eine Einhebeltaste umzusteigen (was ich zwischenzeitlich gemacht habe), ist dies mit geringem Aufwand möglich. Der umgekehrt Weg von einer Einhebeltaste zum Twin-Paddle ist erheblich schwieriger. Auf meine Erfahrungen mit der klassischen Hubtaste gehe ich weiter unten ein. Diese sollte erst verwendet werden, wenn der Klang der verschiedenen Morsezeichen sicher im Ohr ist.

Die ersten Übungen

Begonnen habe ich mit dem Farnsworth-Timing bei einer Einzelzeichengeschwindigkeit von 20 wpm und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 wpm. Die Einzelzeichengeschwindigkeit habe ich so gewählt, dass mit dieser Geschwindigkeit auch sinnvolle Gebeübungen möglich waren. Beim Hören und beim Geben habe ich die Zeichen also genau gleich gehört.

Mir war der oben erläuterte Witz der Koch-Methode nicht klar. Dementsprechend habe ich den Klang eines jeden Zeichens im Geiste wiederholt, bevor ich es decodiert und die entsprechende Taste gedrückt habe. Eine sinnvolle Fehlerquote war nur mit Übungsdurchgängen von 1 Minute, später mit 3 Minuten, möglich. Die Übungsdurchgänge waren so anstrengend, dass ich selten mehrere Übungsdurchgängen hintereinander geschafft habe. Es ging dementsprechend langsam und mühsam voran.

Nach einigen Monaten ist es mir dennoch gelungen, das Tempo auf 10 wpm im Durchschnitt zu steigern. Bei dieser Geschwindigkeit war eine bewusste Analyse des Klangbilds eines Morsezeichens dann endgültig nicht mehr möglich. Eine Reaktion aus dem Bauch heraus war zwingend notwendig. Dennoch konnte ich nur in wenigen Einzelfällen diese Entscheidung aus dem Bauch heraus treffen, ohne das Klangbild eines Morsezeichens im Geiste zu wiederholen.

Immerhin: Diese Umstellung hat mich bis ca. 20 wpm gebracht. Bei diesem Tempo war dann trotz erheblicher Übungszeit kein Fortschritt mehr zu erreichen. In meiner Verzweiflung habe ich dann schlicht alles ausprobiert, was mir an Übungsvariationen eingefallen ist:

Geben mit der klassischen Hubtaste

Der Benutzer einer klassischen Hubtaste steuert die Länge der Dit’s und der Dah’s, ohne die Hilfe einer Elektronik, selbst. Hierdurch sollen sich die Morsezeichen besser einprägen. Das ist im Prinzip auch der Fall. Nur sind 20 wpm mit einer Hubtaste nur schwer erreichbar. Bei mir hat sich darüber hinaus auch die Hand und der Arm nach kurzer Gebezeit stark verkrampft. Ich habe diesen Versuch daher abgebrochen, nachdem ein einfaches Niveau erreicht war.

Den getippten Text mitlesen

Anfangs habe ich nur mit geschlossenen Augen mitgeschrieben. Die Umstellung auf das gleichzeitige Mitlesen war nicht ganz einfach aber machbar. In der Folge hatte ich keine Chance mehr, den Klang der Morsezeichen irgendwie bewusst zu verarbeiten. Darüber hinaus verstand ich sofort, was gesendet wurde, und musste später nicht nachlesen. Das ist im realen QSO sehr praktisch, da der Gegenseite sofort geantwortet werden kann. Da beim praktischen Morsen die durchschnittliche Geschwindigkeit deutlich niedriger als die am Keyer eingestellte Geschwindigkeit ist (längere Wortpausen, Wiederholungen nach Fehlern, …​), war das in der Praxis sehr gut umsetzbar (s.u.).

Irgendwann habe ich dann mit dem oben erläuterten Gehörleseübungen begonnen. Danach habe ich mir sehr schwer getan, den geschriebenen Text weiter auf dem Bildschirm mitzulesen. Ab dann musste ich die Augen beim Tippen wieder schließen und versuchen im Kopf mitzulesen. Das hat Anfangs nur bei einem ganz kleinen Teil der Wörter geklappt. Mit der Zeit ging es aber immer besser. Erstaunlicherweise geht es bei echten Klartext-QSO’s besser als bei Übungstexten, die mit ebook2cw erzeugt wurden.

Lange Klartext QSO’s mit einem Übungspartner

Ein entscheidender Vorteil des Mitschreibens mit der Tastatur ist, dass der Mitschrieb bereits in einem vergleichsweise frühen Übungsstadium schlicht gut genug für praktische QSO’s ist. Der Sinngehalt des Mitschriebs kann meistens erfasst werden, obwohl noch viele Fehler vorhanden sind. Damit steht die Tür für lange Klartext-QSO’s offen. Ich haben mit Joachim, DM3PKK einen Übungspartner gefunden, der ebenfalls an solchen QSO’s interessiert war. Wir fahren ein bis zweimal die Woche QSO’s, die etwas 1,5 bis 2 Stunden dauern. Geschwindigkeitsmäßig bleibe ich hier etwas (2…​3 wpm) hinter meiner Übungsgeschwindigkeit zurück. In der Folge fällt es mir vergleichsweise leicht, ca. 50% des Textes im Kopf mit geschlossenen Augen zu decodieren. Wenn ich etwas nicht verstehe, blicke ich kurz auf meinen Mitschrieb, der manchmal erstaunlich fehlerarm ist. Damit kann ich die Lücken problemlos füllen. Bei diesen QSO’s greife ich nicht mehr auf Hilfsmittel wie CWGet zurück. Das gibt einem zwar am Anfang die Sicherheit solche langen QSO’s zu fahren. Nach kurzer Zeit stört es aber mehr als es nützt.

Die entscheidende Erkenntnis

Irgendwann wurde mir dann klar, dass der Grundfehler darin besteht, dass ich den Klang eines jedes Morsezeichens im Geiste wiederhole. Erst als ich das gezielt abgestellt habe, ging es wieder aufwärts. Diese Umstellung ist extrem schwierig, weshalb ich ganz oben dazu geraten habe, dieses im-Geiste-Wiederhohlen von Anfang an zu vermeiden.

Meine Klartext-Übungsdurchgänge sind typischerweise ca. 2500 getippte Zeichen (einschließlich Leerzeichen) lang. Dabei falle ich früher oder später immer wieder in die alte Gewohnheit zurück, spätestens dann wenn ich einzelne Zeichnen aus dem Bauch heraus nicht richtig erkenne. Ich muss mich dann immer zwingen, diese Unsitte erneut abzustellen. Der Lohn für diese Mühe besteht allerdings darin, dass so eine Übungssitzung von ca. 20 min kaum mehr anstrengt. Danach kann ich zwar nicht unbedingt weiterüben, aber andere Tätigkeit sind ohne Weiteres möglich, ohne dass ich eine Pause brauche.

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